Gänsereiten und Schwerttanz

In den Jahren 1840 bzw. 1856 wurden in Henglarn letztmalig Fastnachtsspiele aufgeführt, die sich dort über viele Jahrhunderte gehalten hatten. Dem Lehrer Hermann Wille verdanken wir aus dem Jahr 1925 Hinweise über dieses Brauchtum.

Bis Ende des Jahres 1840 wurde am Donnerstag vor Fastnacht, dem jetzigen Lütke-Dunnerdag, das sogenannte Gänsereiten veranstaltet. Dort, wo jetzt unsere Kirche steht, stand früher eine sehr alte Esche. Diese legte ihre Äste, gleich langen Armen, über die Straße. An einem Ast dieser Esche wurde eine geschlachtete Gans, mit dem Kopf nach unten hängend, aufgeknüpft. Die erwachsene Jugend ritt im gestreckten Galopp über die Dorfstraße, der heutigen Kirchstraße, beginnend an der Altenaubrücke. Diese war in den Jahren noch aus Holz gebaut. Bei der genannten Esche richtete sich der Reiter aus dem Sattel und versuchte, den Kopf der Gans abzureißen.

Am Fastnachtsmontag folgte der Schwerttanz. Die Schwerttänzer zogen von Tenne zu Tenne. Dazu sangen sie:

"Zur Fastnacht-, zur Fastnachtzeit
sind wir zur Lust ja wohl bereit
und trinken all den Branntwein, und dabei ein Stück vom Schinken
können wir Junggesellen alle gut ….
1..,2..,3… und 4
bei Branntwein und bei Bier.
So nimm denn an, du braver Gesell’,
das Britzken hier an heiliger Stell’.
Das Klappern, das Klappern.
Bruder, du sollst nicht eh’r aufstehn,
bist du bekommen hast die 18.
Bruder, steht auf und sage Dank
und mach uns die Zeit nicht mehr lang." 

An der Spitze marschierte der Predigermeister, ein Britzkebrett in der Hand. Er trug eine weißleinene Hose und ein Leinenhemd. Darüber eine weit geöffnete Jacke, damit man den schön gestickten Namenszug lesen konnte. Als Kopfbedeckung trug er einen Zylinder. Außerdem hatte er weiße Handschuhe an. Diesem folgte die Schar junger Burschen. Sie trugen den Degen entblößt über die rechte Schulter nach hinten abwärts, so dass der Hintermann mit der linken Hand die Spitze fassen konnte. Der Anzug der jungen Tänzer glich im wesentlichen dem des Anführers, Statt Zylinder trugen sie jedoch die Schützennarrenkappen. Um die Schultern hatten sie 3 große Umschlagtücher von Frauen gebunden, die auf dem Rücken und auf den Schultern im Zipfel geknotet waren.
Im Zug marschierte auch der sogenannte Schautendüwel mit. Dieser hatte das Amt eines Festordners zu versehen.

Es war eine besonders "gewichtige" Persönlichkeit des Ortes. Nicht unter 160 Pfund. Er trug hohe Brandenburger Stiefel, einen langen zentimeterdicken ‘Rock aus Komuk von wolfsgrauer Farbe mit zentimeterlangen Haaren. Besetzt war die Rückseite des Rockes mit gut einem Dutzend Hammelschwänzen. Um die Lenden trug er den Holster. Das war ein Sack zum Aufbewahren der Würste. Der Schautendüwel und der Geckscherer trugen eine Maske. So ging es durchs Dorf. Viele Zuschauer, vor allem auch aus den Nachbarorten, waren in Henglarn. Beim Ortsvorsteher wurde der erste Schwerttanz getanzt. Der Zug bewegte sich im Kreis. Dann drehten sich die Tänzer nach innen und bildeten mit den Schwertern ein Geflecht.

Der Predigermeister sprang auf einen Stuhl, oft auch auf das Geflecht der Schwerter, die ihn in die Höhe hoben und hielt an den Hausbesitzer eine humorvolle Rede. Neben den Schwerttänzern saß in gebückter Stellung als Sündenbock der Sieger aus dem Gänsereiten. Nach der Ansprache stimmte der Predigermeister den Rundgesang an, dessen Refrain alle mitsangen und dabei die Schwerter zusammenschlugen und Tanzschritte ausführten. Der Refrain lautete jedes Mal:

"Weil er hat das Haupt vom Hals herabgeraubt Vivat Fastnacht! So nimm denn an, du braver
Gesell’, das Britzken hier an heiliger Stell’, das Klappern, das Klappern"

Beim letzten Ruf schlug der Predigermeister mit dem Britzkebrett dreimal auf den Rücken des Sündenbockes. Am Schluss löste sich das Flechtwerk in umgekehrter Folge wieder auf. Der Schautendüwel ließ in seinem Holster die geschenkte Wurst verschwinden. Wo man ihm diesen Tribut verweigerte, waltete der Geckscherer seines Amtes. Mit einer riesigen Teufelsschere, die er auseinander spreizen konnte, schnitt er sich selbst von der Rauchbühne eine Wurst ab. Nach Beendigung des Schwerttanzes war Tanzbelustigung in der Wirtschaft des Ortes.

Der Schwerttanz wurde bis zum Jahre 1856 aufgeführt. Nach einem Bericht in der Zeitschrift "Warte", wurde in einem Dorf im Kreis Büren noch bis ca. 1850 der Schwerttanz aufgeführt. Es ist anzunehmen, dass in Henglarn die letzten Schwerttänze aufgeführt wurden.

Noch in den dreißiger Jahren wurde nach diesem alten Vorbild der Fastnachtszug durchgeführt. Dem Zug voran schritt der Hahnenträger. An einer langen Stange ist ein Hahn, ein toter natürlich, befestigt. Dahinter schreitet ein junger Bursche mit einer Furke zum Aufhängen der Würste. Diesem folgt einer mit einem Eierkorb. Dann folgen die Junggesellen im Gänsemarsch. Am Schluss marschiert ein Maskierter, ein Abbild des alten Schautendüwels. Die laut jubelnde Dorfjugend hielt sich im weiten Abstand, damit der Maskierte ihr nicht einen Schlag mit der Peitsche versetzte. Der Zug bewegte sich von Deele zu Deele. Der Hahnenträger, ein Nachfahre des Predigermeisters, stellt sich auf einen Stuhl und stimmt das altbekannte Lied an, das sich von Generation zu Generation überliefert hat.